Familie Agnes und Martin Jost

Marthalen | ZH

Faire Preise für viel Arbeit

«Direkt hinter der Haltestelle liegt rechts oben der Acker», sagt Biolandwirt Martin Jost am Telefon. Die S-Bahn Winterthur-Schaffhausen hält in Marthalen, und es ist nicht zu übersehen: Unter der gleissenden Julisonne wölbt sich das Feld mit dem Speisehafer für Biofarm bis an den Himmelsrand.

Schweizer Speisehafer erfreut sich zunehmender Nachfrage. «Um den gesamten Bedarf mit inländischer Produktion abzudecken, bräuchte es rund 1'000 Hektaren Anbaufläche; davon ist man hierzulande weit entfernt», sagt Hansueli Brassel, Berater und Produktmanager für Ackerbauspezialitäten bei der Genossenschaft Biofarm. Martin und Agnes Jost-Vollenweider bewirtschaften im Zürcher Weinland einen vielseitigen Betrieb mit 44 Hektaren.

Wir stehen am Rand des zweieinhalb Hektaren grossen Feldes. Der Speisehafer steht kurz vor der Ernte. Wenn Martin Jost in ein paar Tagen mit seinem dreissig Jahre alten Mähdrescher losfahren wird, ist seine Kultur in zweieinhalb Stunden abgeerntet. Der Bauer lässt ein paar Rispen durch die Finger gleiten. Mitte Oktober hatte er auf dem gut vorbereiteten Acker ausgesät. «Wir haben einen teils schweren, einen teils sehr kiesigen Boden», erklärt er. Und fügt hinzu: «Man muss mit dem arbeiten können, was man hat.» Der Zürcher weiss, worauf es ankommt auf den Moränenböden, die dem ehemaligen Rheingletscher zu verdanken sind: «Bei zu nährstoffreichem Boden wird der Hafer zu hoch und legt sich leicht nieder. Man muss zwischen zu wenig und zu viel Dünger das Optimum finden für Mengenertrag und Qualität.» Der Haferanbau gelingt Martin Jost mit durchschnittlichen Erträgen von 45 bis 50 kg/Are. Und dass sich das Sammellager der Landi Weinland direkt im Dorf befindet und zudem Bio-Erntegut annimmt, schätzt er als grossen Vorteil.

 

Schneller als gedacht
Martin Jost war gerade 18 Jahre alt, als er «viel früher als gedacht» zu bauern begann. Seine kaufmännische Lehre hatte er noch nicht abgeschlossen, als plötzlich sein Onkel starb, der in Marthalen einen Hof bewirtschaftete. Der junge Mann zögerte nicht und packte die enorme Herausforderung an, parallel zum Lehrabschluss. Diese Doppelbelastung hinderte ihn nicht daran, an den KV-Abschluss gleich noch die Landwirtschaftslehre anzuknüpfen. Sie führte ihn auf einen anderen Hof in Marthalen zu Familie Vollenweider und …zu deren Tochter, seiner heutigen Frau. Für Kleinbetriebe kann die Gründung einer Betriebsgemeinschaft Sinn machen, und der Schwiegervater und der Schwiegersohn schlossen sich zusammen. 2005, nach seiner Pensionierung, übergab der Ältere den Hof ganz in die Hände der jüngeren Generation.

 

Mit Argusaugen beobachtet
Noch vor ihrer Umstellung auf Biolandbau seien sie auf den Feldern sehr bewusst mit Hilfsmitteln umgegangen und hätten auch im Stall nach Möglichkeit auf Medikamente verzichtet, betont Martin Jost. «Heute sagen die Leute von der Weizensaatgutkontrolle: ‘Eure Felder sehen so prächtig aus wie konventionelle’», bemerkt er. Aber emotional sei es für die Familie nicht immer einfach gewesen. «Wir wurden von Andersdenkenden mit Argusaugen beobachtet, was uns Ansporn gab unsere Felder - teils mit ordentlicher Handarbeit -  sauber zu halten.»

Zum Kontakt mit Biofarm kam es für Martin Jost über die Sativa. Wen wundert’s, ist doch das über die Landesgrenzen hinaus geschätzte Unternehmen für Biosaatgut- und Pflanzenzucht im benachbarten und für seine Kloster-Insel bekannten Rheinau beheimatet. «Für uns ist es schön zu wissen, mit der Biofarm zusammen zu arbeiten, und dass unser Speisehafer Abnehmer zu fairen Preisen findet», sagt Martin Jost. Mit durchschnittlich bis zu 60 Arbeitsstunden pro Woche - Präsenzzeit nicht mitgerechnet – weiss er, was es heisst, selbstständig zu sein: «nämlich selber und ständig», sagt er lachend und steht auf. Genug geredet, im Schweinestall gibt’s zu tun.

 

Autorin: Sabine Lubow

Menschen, Tiere und Hof auf einen Blick

 

Knospe-Betrieb Jost-Vollenweider

Martin (1974) und Agnes (1975) Jost-Vollenweider mit Fabio (2000) und Romana (2002)

Übernahme des Betriebs von Familie Vollenweider: 2005
Umstellung auf Bio-Knospe: 2011

 

Landwirtschaftliche Nutzfläche 44 ha

Ackerkulturen:
Raps, Saat- und Brotweizen, Gerste, Eiweisserbsen,
Körnermais, SpeisehaferKunstwiesen,
extensive Weiden und Ökoflächen

 

Tiere:
480 Mastschweine
8 Kühe (Rätisches Grauvieh, Pro-Spezie-Rara)
2 eigene Reitpferde und 4 Pensionspferde
3 Schafe

 

IMPRESSIONEN

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