Familie René und Elisabeth Güntert

Miège | VS

Von Küttigen nach Miège, dem Rebbau zuliebe

Was macht einen Aargauer zum Walliser Biowein-Pionier? René Güntert ist einer, der den Dingen gern gründlich nachgeht. Der Winzer- und Kellermeister keltert oberhalb von Siders mit seiner Familie Trauben auch für Biofarm. Sein Reich der Wahrheit heisst Biocave, und das ist Programm.

Gefühlt sind es mindestens 40 Grad. Drückend heiss liegt die Sommersonne über dem Südhang des Mont Bonvin im Rhonetal. Die Gemeinde Miège, inmitten der Weinberge, scheint Schlaf zu halten. Gut, dass von der Postauto-Haltestelle bis zur Biocave nur wenige Schritte nötig sind. Ein kühler Keller ist jetzt genau das Richtige. Hier glänzen blitzblanke Gärtanks aus Edelstahl, ruhen Barrique-Fässer in bauchiger Würde. Der von Tochter Corinne gereichte Fendant eröffnet das Gespräch, René Güntert erzählt: «In Küttigen bin ich aufgewachsen, in Aarau zur Schule gegangen. Schon immer war ich gerne draussen, habe am Jurasüdfuss in den Reben geholfen.» Mit 16 zieht es den jungen Aargauer fort. Neben dem Unterricht auf der Landwirtschaftsschule in Châteauneuf VS arbeitet er auf deren Gutsbetrieb auch im Weinbau, denn «ich wollte kein Fachidiot werden». Nach dem Lehrabschluss liebäugelt er weiter mit der Winzerei und kürt seine Kenntnisse an der ESOVA in Lausanne mit einem Önologie-Diplom.

«Ich suche Reben…»
Es folgen Wanderjahre im Waadtland und im Wallis, denen René Güntert mit dem Wunsch nach Selbstständigkeit einen Schlusspunkt setzt. Sein Inserat «Ich suche Reben…» landet einen Treffer in Miège. Er pachtet eineinhalb Hektaren Rebland, mietet da einen Keller, dort eine Garage hinzu: «In 200-Liter-Tanks transportierte ich damals den Wein von einem Ort zum anderen.» In dieser Aufbauphase legt er die Winzermeisterprüfung ab, und er lernt eine Lehrerin aus dem Aargau kennen. Elisabeth schneidet in den Schulferien Trauben im Wallis. «Ich war total ‘geknüttelt’ von der Arbeit», erinnert sie sich, «doch im Frühling kam ich wieder - zum Abfüllen.» Gefunden haben sich nicht nur zwei, die anzupacken wissen. Gefunden wurden nach und nach weitere Parzellen. Und eine baufällige alte Beiz in Miège, die - zum Lebensmittelpunkt der fünfköpfigen Familie umgebaut - Weinkeller, Büro- und Wohnraum unter einem Dach vereint.

16 Parzellen in 8 Gemeinden
In der Wohnküche hat der älteste Sohn Marc einen fruchtigen Dôle de Miège geöffnet. Ein Traum ist von hier aus der Blick hinunter nach Siders, der Grenze zwischen dem Ober- und dem Unterwallis, oder hinüber zum Val d’Anniviers. Nach seiner Doppelausbildung zum Möbelschreiner und zum Winzer bildet sich Marc gerade an der höheren Fachschule in Changins VD weiter. Auf dem Betrieb widmet er sich insbesondere den Reben und überlässt dem Vater die Vinifikation.   
«Schon während meiner Lehre habe ich erfahren, was das systematische Spritzen mit chemischen Hilfsstoffen für Auswirkungen hatte», sagt René Güntert. Das machte ihn stutzig. Alles habe seine Vor- und Nachteile, es gebe keine perfekte Lösung, und er könne nur das weitergeben, was er selber mache, räumt er ein. Will heissen: eine grosse Sortenvielfalt pflegen mit alten und mit pflegeleichten, toleranten jungen Reben, die passen zu den unterschiedlich kalkigen bis kalklosen Böden auf 16 Parzellen in acht Gemeinden von Conthey bis Leuk.
Seit 2014 produziert die Biocave vegan. Und das von der Düngung bis zum Klebstoff für die Etiketten. 20 Tonnen Trauben pro Jahr ernten die Günterts und ihr Mitarbeiter durchschnittlich für 15'000 Liter Wein. Ihre Knospe-Weine gehören zu den ersten, die Biofarm im Angebot führte. «Wir sind auf der selben Linie: bäuerlich, bio-organisch, genossenschaftlich», findet das Familienoberhaupt, und Elisabeth schätzt, dass «sie unsere Weine auch dort präsentieren, wo wir gar nicht hinkommen.» - «Es ist ein Geben und Nehmen in beide Richtungen», findet Corinne, ebenfalls gelernte Winzerin, «genauso wie mit all denen, die auf unseren Parzellen in Höhenlagen zwischen 450 bis 800 m.ü.M. bei der Weinlese mithelfen». Dass nicht selten Wiederholungstäter darunter sind, spricht für sich. Und manchmal hat es auch solche aus dem Aargau dabei.

 

Autorin: Sabine Lubow

Menschen, Tiere und Hof auf einen Blick

Biocave

René (1952) und Elisabeth (1957) Güntert
mit Marc, Alex und Corinne

Betriebsgründung: 1979
Umstellung auf Bio-Knospe: 1989
SwissVeg-zertifiziert seit 2014



 Rebbaufläche: 3.5 ha 

14 Traubensorten: Chasselas, Pinot noir, Pinot gris,
Chardonnay, Gamay, Garanoir, Gamaret, Petite Arvine,
Johannisberg, Amigne, Muscat, Humagne rouge,
Cornalin, Divico

 

roter und weisser Traubensaft

 

22 Weinsorten, auch Barrique-Vinifikationen,
Dessert- und Schaumwein

 

www.biocave.ch

IMPRESSIONEN

  • Beim Walliser Biopionier kommen retournierte Weinflaschen in die Waschanlage und damit zu Mehrfachnutzen.
  •  René Güntert und Tochter Corinne: das selbe «feu sacré» für authentische, charakterstarke Weine in Knospe-Qualität.
  • Vom Rebberg bis in den Keller gilt bei Familie Güntert: so natürlich wie möglich.
  • In der Biocave werden pro Jahr durchschnittlich 15'000 Liter feine Tropfen abgefüllt.
  • Je nach Weintyp dienen Stahltank, Eichenfass oder Barrique (Bild) der Lagerung.