Familie Jakob und Lydia Brütsch

Schaffhausen | SH

„Wo Wein wächst, da kommt auch der Kürbis“

  
Zum Griesbachhof führt der Weg durch ein verwunschenes Waldstück in eine eigene Welt. Das Begrüssungskomitee steht vor dem Hofgebäude: original Braunvieh, bildschön wie aus dem Kinderbuch. Es winkt die alte Linde. Und kugeln sich dort hinten auf dem Acker nicht gerade grüne Kobolde vor Lachen? Es ist Herbst. Bei Familie Brütsch beginnt die Ernte. 

Ölsaaten faszinierten ihn schon immer. Heute ist Biolandwirt Jakob Brütsch mit seinen Ölkürbissen im ganzen Land als Pionier ein Begriff. Mit dieser Kultur ist der Betriebsleiter des Griesbachhofs oberhalb Schaffhausen inzwischen so „verwachsen“, dass er wichtige Drehscheiben- und Beraterfunktionen erfüllt. Die gesamte Koordination der Schweizer Kürbiskern-Produktion an die Biofarm läuft über ihn. Seine langjährige Kooperation mit der kleinbäuerlichen Genossenschaft fasst er so zusammen: „Die Augenhöhe stimmt, unsere Zusammenarbeit ist persönlich, denn wir sagen uns gegenseitig offen, was Sache ist.“ So könne man die Produktion planen, steuern, rechtzeitig Anpassungen vornehmen und wisse bei jedem Geschäft, was es für den Betrieb bedeute, sagt er. Der Bauer muss auch Unternehmer sein. Für Jakob Brütsch war die Pionierleistung alles andere als ein Sonntagspaziergang.
  

Kreislauf der Natur
Im Jahr 2003, mit der Umstellung des Pachtbetriebs der Stadt Schaffhausen auf Biobewirtschaftung, hatte Jakob Brütsch sein erstes Versuchsfeld auf dem humusarmen Kalkschotterboden des Hochplateaus gestartet. „Wo Wein wächst, da kommt auch der Kürbis“, sagte er sich. Die wärmeliebenden Flachwurzler kommen mit Trockenheit gut aus, brauchen wenig Nährstoffe und mögen lockeren Boden. Nach dem Hacken im Sommer erhalten sie Kompost. Schonende Bodenbearbeitung ist angebracht. Schwere Erntemaschinen kommen nicht aufs Feld. Vor allem vor der Ernte reagieren die bauchigen «Kobolde» heikel auf Staunässe. Wenn im fahlen Herbstlicht die prallen Kürbisse keinen Saft mehr im Stängel haben und sich auf dem Feld zu kugeln scheinen, werden sie direkt an Ort und Stelle zerquetscht. Man trennt Fleisch und Kerne. Schalen- und Fleischresten bleiben zerkleinert als Kompost liegen. So kehren sie in den Kreislauf der Natur zurück. Mit viel Aufwand waschen und trocknen die Brütschs danach die Kerne in der selbst gebauten Anlage direkt vor Ort.

 

Überzeugung, Fleiss und Erfolg
Die Umstellung auf Biolandbau war für den Schaffhauser Landwirt die logische Folge für die durch jahrelanges konventionelles Wirtschaften ausgelaugten Äcker. Er wandte sich vom damals in der Region noch üblichen Hanfanbau ab, setzte statt auf Turbo-Milchkühe auf Mutterkuhhaltung mit robustem Braunvieh sowie auf standortgerechte Produktion mit Spezialkulturen und Saatgut-Produktion wie Weizen, Dinkel, Roggen, Hirse und: die Ölkürbisse. Für letztere bezog er das Biosaatgut aus der Steiermark. In der Schweiz war es kaum zu erhalten. Der Pionier erinnert sich: «Anfangs waren die Erträge schwach, stiegen dann sukzessive, bis wir im siebten Jahr einen Tiefpunkt erreichten». Familie Brütsch liess sich nicht entmutigen. Nach und nach sprach sich ihre nachhaltige Produktions- und Wirtschaftsweise herum und begann zu greifen. Heute ist die Familie an Messen, Märkten, Ausstellungen präsent, leistet Verkaufsunterstützung für Produzenten und lässt die grünen «Kobolde» auch an so manchem Hoffest anderer Produzenten tanzen.

Auf dem Weg in das mit Respekt und Geschick für die geschichtsträchtige Bausubstanz renovierte Wohnhaus blickt Jakob Brütsch in die Wohnküche zu seiner Frau. Verschmitzt nennt er sie die „Innen- und Finanzministerin vom Griesbachhof». Die sympathische Ministerin bekleidet noch viele andere Ämter - zum Beispiel betreut sie auch die Kühe und Pensionspferde. Sie hat eine Überraschung für uns gezaubert: Vanilleglace, überstreut mit süssen, gerösteten Kürbiskernen. Überzeugung und Fleiss brauche es - und dann auch Erfolg, sonst fehle die Motivation, sinniert ihr Mann am Tisch. Schon schmiedet er neue Pläne - über den Anbau von Quinoa etwa - und geniesst mit uns das feine Dessert.



Autorin: Sabine Lubow

Menschen, Tiere und Hof auf einen Blick


Griesbachhof

Jakob (1955) und Lydia (1959) Brütsch
mit Sohn Christof und Rahel (Betrieb in Barzheim, SH), Tochter Kathrin und Roman Gysel Brütsch (Gysel Landmaschinen GmbH in Barzheim, SH), Sohn Rafael (Betrieb Barzheim und Griesbachhof) und Frau Cécile


Hofübernahme in Pacht durch Projektwettbewerb der Stadt Schaffhausen: 2002
Umstellung auf Bio: 2003

Landwirtschaftliche Nutzfläche: 55 ha
mit Ackerkulturen und Ölsaaten: Dinkel, Roggen, Hirse, Ölkürbisse, Weizen
Tiere: 65 bis 70 Kühe «Original Braunvieh», 3 Pensionspferde;



Familienunternehmung «erdverbunden GmbH» (Anbau, Lebensmittelproduktion und Vermarktung von Kürbiskernen und Kürbiskernöl sowie Kompostierung von Grüngut für Gemeinden, Gärtner und Privatpersonen)


Webseite:
 http://www.kuerbiskern.ch/

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